Die Wahrheit beginnt zu zweit
Eine bekannte jüdische Anekdote erzählt von einem Paar, das wegen eines Streits zu einem Rabbi kommt.
Zunächst schildert der Mann seine Sicht. Der Rabbi hört aufmerksam zu und sagt:
„Du hast recht.“
Dann erzählt die Frau, wie sie die Sache erlebt. Wieder hört der Rabbi aufmerksam zu und sagt:
„Du hast auch recht.“
Die Frau des Rabbis hat das Gespräch mitgehört und mischt sich ein:
„Aber das geht doch nicht. Es können doch nicht beide recht haben!“
Der Rabbi denkt einen Moment nach und antwortet:
„Du hast auch recht.“
Die Pointe berührt etwas Wesentliches in Partnerschaft und Konfliktklärung: Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und zu sehr unterschiedlichen Wirklichkeiten gelangen.
Es geht deshalb nicht darum, dass jede Behauptung gleichermaßen wahr ist. Aber die eigene Sicht ist eben eine Sicht – geprägt von Erfahrungen, Bedürfnissen, Erwartungen und dem, was im jeweiligen Moment wahrgenommen wird.
Friedrich Nietzsche formulierte 1882 in Die fröhliche Wissenschaft:
„Einer hat immer Unrecht: aber mit zweien beginnt die Wahrheit.“
Eine zweite Perspektive zeigt nicht nur eine andere Sicht auf das Geschehen. Sie macht zugleich sichtbar, dass auch die erste eine Perspektive ist.
Nicht nur: Wer hat recht?
Sondern auch: Was wird erkennbar, wenn beide Perspektiven nebeneinander stehen dürfen?
Oft wird dann ein Beziehungsmuster sichtbar, das aus der Sicht nur eines Partners kaum zu erkennen ist.
Genau dort kann Verständigung beginnen.